Tegkwitz. Eine Gedenkfeier für die Opfer des Bombenabwurfs auf Starkenberg vor 80 Jahren und für die Opfer des Zweiten Weltkrieges führte die
Kirchgemeinde auf dem Friedhof in Tegkwitz durch. Dort, wo die Opfer dieser Tat ihre letzte Ruhestätte haben. 80 Jahre – ein Menschenleben lang – treibt Starkenberger und Tegkwitzer die Frage um,
warum am 20. Februar 1945 ein Bomber aus einem Verband ausscherte und seine tödliche Bombenlast über Starkenberg ausklinkte, einem kleinen Dorf, ohne militärstrategische Relevanz. Elf Tote,
darunter ein Säugling, Kinder, Frauen, Männer.
Pfarrer Thomas Eisner ging in der Andacht auf dem Tegkwitzer Friedhof auf die ums Leben gekommenen Starkenberger, die Toten des Zweiten Weltkrieges
als auch auf die Vertriebenen, Geflüchteten, jene die durch Rassenverfolgung, Krankheit oder Behinderung, und jene die Widerstand leisteten oder an ihrem Glauben festhielten und deshalb ihr Leben
verloren, ein. Über 50 Personen, die Opfer des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen wurden, liegen allein auf dem kleinen Tegkwitzer Friedhof begraben.
Seit Jahrhunderten fragt sich die Menschheit immer wieder, wie Gott es zuzulassen könne, dass Kriege so unendlich viel Leid über die Menschheit
bringt. Es zeigt, dass unser Leben nicht in unserer Hand allein liegt. Aber wir können etwas tun, um den Frieden zu erhalten, so der Pfarrer.
Arnhild Kump, Leiterin des Ökumenischen Pilgerzentrums Wien, sprach über die vom bereits verstorbenen Ortschronisten Konrad Mälzer zusammengetragenen Fakten des
damaligen Bombenabwurfes auf Starkenberg.
Nun, Bomberverbände der Alliierten flogen regelmäßig über Starkenberg und gefährdeten, weil sie seit 1943/44 die wachsende Lufthoheit hatten, die mitteldeutsche
Industrie. DEA Rositz, vor allem aber das Chemiewerk Böhlen, das Hydrierwerk Zeitz und die Munitionsfabrik HASAG Leipzig mit den Außenwerken Altenburg und Meuselwitz waren zumeist die
Ziele britischer und amerikanischer Bomber. Der Luftangriff auf Starkenberg dauerte nur wenige Minuten. Und niemand hatte damit gerechnet. Die Staffel zog wie so oft über den
kleinen Ort hinweg, um in einiger Entfernung militärstrategische Objekte zu bombardieren. Doch an jenem 20. Februar, als die Flugzeuge schon das Dorf passiert hatten, kehrte eine Maschine zurück.
Etwa 10 Bomben fielen. Auf die Häuser auf dem Schmiedeberg, dem heutigen Fleischerberg. Zehn Häuser wurden zerstört beziehungsweise schwer beschädigt. Elf Menschen starben. Der Luftangriff war so
überraschend, dass die Luftwarnung durch die Fliegeralarmsirenen erst erfolgte, als das Unglück schon geschehen war, schreibt der Ortschronist. Wenige Tage danach wurden in Richtung Dölzig
Stollen gegraben und bergmännisch mit Stempeln versehen und so ein brauchbarer Unterstand geschaffen.
Am 25. Februar 1945 wurde auf dem Tegkwitzer Friedhof unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Abschied von den Bombenopfern genommen. Den Gräbern wurde eine
besondere Stelle und auf ewig zugewiesen. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe des Eingangs und neben der Gedenksäule der Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Es ist die Begräbnisstätte
der am meisten betroffenen Familie sowie ein Efeuhügel, flankiert von zwei Sandsteinsäulen. An dieser Stelle fand auch die Andacht statt.
Wie die damalige Altenburger Zeitung namentlich veröffentlichte, wurden insgesamt 95 Opfer aus den Angriffen am 20. Februar 1945 auf Meuselwitz, Oberlödla
und Starkenberg benannt. Gegen 4.30 Uhr erfolgte der Abwurf in Starkenberg. Die Frage nach dem Warum ist bis heute ungeklärt und wird es wohl bleiben. Einige behaupteten
damals unter vorgehaltener Hand, dass auf der Bahnstrecke Meuselwitz—Ronneburg eine Eisenbahnflak (Fliegerabwehrkanone) zum Einsatz gekommen sei. Eine zweite Variante: Im Rittergut Kostitz
soll der damalige Schweizer gegen 3.30 Uhr mit dem Melken und Füttern begonnen haben, ohne die vorgeschriebene Verdunkelung vorgenommen zu haben. Was viele aber nicht glauben, weil alle stets
verdunkelten und ein mögliches Lichterflackern im Kuhstall wohl kein Flugzeug anzieht. Wahrscheinlicher schien dem Ortschronisten, dass eine Staffel durch die Flak in Kleinröda beschossen und
eine Maschine getroffen wurde. Solche Maschinen mussten aus Sicherheitsgründen aus dem Verband ausscheren und die Bombenschächte entleeren, um Notlandungen oder Absprünge zu ermöglichen. Dagegen
spricht aber, so der Chronist, dass für diesen Tag aus den Wehrmachtsberichten und anderswo kein Abschuss, keine Notlandung und kein Fallschirmsprung vermeldet wurden. Es wird wohl das Geheimnis
des Fliegers dieser Maschine bleiben.
Zur Andacht wurden die Namen der über 50 durch den Zweiten Weltkrieg umgekommenen Personen, aus dem Raum Starkenberg/Tegkwitz verlesen.
Das Fürbittgebet zum Gedenken sprachen Pfarrer Thomas Eisner, Lektorin Katrin Köhler, Tina Müller, Gemeindekirchenrat Großröda, und Arnhild Kump.
Thomas Eisner dankte für 80 Jahre Frieden in diesem Land. Fürbitte gab es für die Opfer des Bombenabwurfs in Starkenberg und all jene aus dem Zweiten Weltkrieg, die
auf diesem Friedhof liegen, für die vom Krieg Verletzten, die Opfer von Gewalt, Rassenwahn und Folter, für alle, die ihre Heimat verloren haben und die Flüchtlinge und dafür, dass zur
Bundestagswahl diejenigen politische Verantwortung übertragen bekommen sollen, die den Willen zum Frieden und zur Wohlfahrt dieses Landes haben.
Starkenbergs Bürgermeister Andreas Zetsche, der ebenfalls einen Kranz niederlegte, appellierte an die Teilnehmer, die Schrecken von Krieg und Zerstörung
weiter zu erzählen. Denn immer weniger Zeitzeugen gibt es. Und heute reden schon wieder einige über Krieg und Aufrüstung. Aber der Frieden ist unendlich wertvoller als alles andere,
mahnte er. In Anbetracht der Kriegstreiber sagte er, der Frieden soll uns heilig sein. Er hofft, dass der Frieden uns erhalten bleibt, in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt. Begonnen
hatte die Andacht mit einem Lied das
Volker Thurm zur Gitarre sang und nicht passender hätte sein können, mit dem Antikriegslied Sag Mir Wo Die Blumen Sind von Pete Seeger, in Deutsch durch
Marlene Dietrich gesungen. Und die Andacht endete mit dem Lied Hiroshima von Wishful Thinking. Zwei Lieder die all das an Leid und Schrecken erahnen lassen, was Kriege mit sich
bringen.
Von Ulrike Grötsch